In der Saison 2021/22 gab Maximilian Arnold 40 Schüsse in der Bundesliga ab. In der Saison darauf waren es 43, dann 48, dann 46. Über sechs Saisons, von 2019/20 bis 2024/25, kommt er auf 252 Schüsse — und 21 Tore.
Was bei dieser Zahl aber erst auffällt, wenn man die Schussdaten aufbricht: 227 dieser 252 Schüsse kamen von außerhalb des Strafraums. Arnold ist kein Stürmer, der sich aus dem Strafraum drängen lässt — er ist ein Mittelfeldspieler, der das Schießen von außen zum Kernbestandteil seines Spiels gemacht hat. Und der Ertrag aus diesen 227 Fernversuchen? 14 Tore. Das sind 6,2 Prozent.
Das ist keine Kritik an Maximilian Arnold. Es ist ein Einstieg in eine Frage, die seit Jahren mehr oder weniger unbeantwortet im Raum steht: Wenn wir wissen, wo Tore fallen — und das wissen wir mittlerweile sehr genau — warum schießen Spieler dann noch immer so oft aus Positionen, aus denen kaum je ein Tor fällt?
Was Daryl Morey mit dem Fußball zu tun hat
Daryl Morey war General Manager der Houston Rockets, als er in den frühen 2000er-Jahren anfing, Basketball mit Hilfe von Statistiken anders zu denken. Die Erkenntnis, für die er heute bekannt ist, war verblüffend in ihrer Simplizität: Der Mitteldistanzwurf im Basketball — technisch anspruchsvoll, ästhetisch reizvoll, von guten Spielern regelmäßig getroffen — ist der schlechteste Wurf im Spiel.
Nicht weil er selten getroffen wird. Sondern weil er relativ zum Aufwand selten getroffen wird und gleichzeitig nur zwei Punkte bringt, obwohl ein Schritt weiter draußen plötzlich drei Punkte auf dem Spiel stehen. Der "lange Zweier" — ein Schuss kurz vor der Drei-Punkte-Linie — ist mathematisch die schlechteste Investition auf dem Spielfeld: zu schwer für zwei Punkte, zu nah für drei. Wer ihn trotzdem wirft, bezahlt eine Prämie dafür, keinen Vorteil zu erzielen.
Morey's Rockets hörten auf, diesen Wurf zu nehmen. Die Liga folgte — langsam, aber sie folgte. Heute gilt der Mitteldistanzwurf in der NBA analytisch als Relikt, und die Spielweise hat sich fundamental verändert.
Im Fußball gibt es eine direkte Entsprechung. Nicht identisch in der Mechanik, aber identisch in der Logik: Es gibt Schusszonen, in denen die Wahrscheinlichkeit eines Tores so niedrig ist, dass man sich fragen muss, warum so viele Spieler so viele Schüsse aus diesen Zonen abgeben. Und es gibt Zonen, in denen Schüsse eine überproportional hohe Erfolgsrate haben — und die deutlich seltener angesteuert werden als man erwarten würde.
Was wir analysiert haben
Für diese Analyse haben wir alle Schussdaten aus sechs Bundesliga-Saisons ausgewertet — von 2019/20 bis 2024/25. Die Rohdaten stammen von Understat.com, das für jede der sechs großen europäischen Ligen Schussdaten mit x/y-Koordinaten und xG-Wert (Expected Goals, also der statistisch berechneten Wahrscheinlichkeit, dass ein Schuss aus dieser Position ein Tor wird) erfasst. Pro Schuss liegen vor: die genaue Position auf dem Feld, das Ergebnis, die Spielsituation (offenes Spiel, Eckball, Freistoß, Elfmeter) und der Schusstyp (Fuß links/rechts, Kopf).
Insgesamt haben wir 47.952 Schüsse aus 1.836 Bundesliga-Spielen ausgewertet. Davon fielen 5.616 als Tor — eine ligaweite Torquote von 11,7 Prozent.
Für die Zonenanalyse haben wir das Spielfeld in vier Abschlussbereiche unterteilt, die sich an tatsächlichen Feldmarkierungen orientieren:
- Zone 1 — Nahbereich: innerhalb der Sechzehnmeterlinie, zentral, weniger als etwa 8 Meter vom Tor
- Zone 2 — Strafraum-Zentrum: zentraler Bereich des Strafraums, zwischen Sechzehnmeter- und Elfmeterraum
- Zone 3 — Strafraum-Halbposition: seitlichere Bereiche im Strafraum, von denen auch Elfmeter gezählt werden (der Elfmeterpunkt liegt koordinatentechnisch in diesem Bereich)
- Zone 5 — Fernschuss: alle Abschlüsse von außerhalb des Strafraums
Was diese Analyse nicht leistet: ein Vergleich zwischen Bundesliga und anderen Ligen. Ob die Torrate bei Fernschüssen in der Premier League anders ist als in der Bundesliga, haben wir nicht untersucht. Was sie zeigt, ist der Befund innerhalb von sechs Bundesliga-Saisons — konsistent, über genug Spiele und Schüsse hinweg, um als belastbar zu gelten.
Die Karte — was die Zahlen zeigen
Die Zahlen in der Zone-Darstellung sind Torraten — also: von 100 Schüssen aus dieser Zone werden so viele Tore. Kein xG-Wert, keine Modellrechnung. Reine Treffer-zu-Schuss-Quoten aus 47.952 echten Bundesliga-Versuchen.
Zum Vergleich: Der Nahbereich — die Zone vor dem Tor, innerhalb der Sechzehnmeter, die am schwersten zu bespielen ist und deshalb selten erreicht wird — hat eine Torquote von 32,1 Prozent. Wer aus dem Nahbereich schießt, trifft jede dritte Gelegenheit. Wer von außen schießt, trifft jede 23.
| Zone | Schüsse | %-Anteil | Tore | Torrate | %-der Tore | Ø xG/Schuss |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Z1 — Nahbereich | 3.415 | 7,1% | 1.095 | 32,1% | 19,5% | 0,378 |
| Z2 — Strafraum-Zentrum | 12.864 | 26,8% | 2.051 | 15,9% | 36,5% | 0,174 |
| Z3 — Strafraum-Halbposition | 13.904 | 29,0% | 1.697 | 12,2% | 30,2% | 0,120 |
| Z5 — Fernschuss | 17.481 | 36,5% | 766 | 4,4% | 13,6% | 0,034 |
Zwei Zahlen zusammen erzählen die eigentliche Geschichte: Zone 1 und Zone 2 zusammen stellen nur 33,9 Prozent aller Schüsse. Aber sie produzieren 56 Prozent aller Tore. Der Fernschuss stellt 36,5 Prozent der Schüsse — mehr als jede andere Zone — und liefert nur 13,6 Prozent der Tore.
Wie die Tore wirklich entstehen
Schusszonen allein erklären noch nicht alles. Wer schießt, wie wird geschossen, und unter welchen Bedingungen — das verändert die Einordnung.
Der Kopfball-Faktor im Nahbereich
33 Prozent der Nahbereich-Tore in unserem Datensatz sind Kopfbälle — der höchste Kopfball-Anteil aller Zonen. Im Strafraum-Zentrum sind es 27 Prozent, auf Halbposition nur noch 3 Prozent. Fernschüsse werden definitionsgemäß nicht per Kopf erzielt.
Das erklärt einen Teil der Wertigkeit physischer Stürmer wie Niclas Füllkrug oder Wout Weghorst: Sie verwandeln Flanken und Hereingaben in Nahbereich-Schüsse, also in Versuche aus der produktivsten Zone. Ein Kopfball aus fünf Metern ist kein spektakuläres Ereignis — aber er ist statistisch einer der wertvollsten Schüsse im Fußball.
Der Freistoß-Sonderfall
13 Prozent der Fernschuss-Tore kommen per Direktfreistoß — also nicht aus dem offenen Spiel, sondern aus ruhenden Bällen, bei denen die Mauer Position einnimmt und der Torwart die Schussrichtung antizipieren muss. Das ist ein eigenständiges Spielelement, das von der allgemeinen Schuss-Effizienz-Debatte getrennt betrachtet werden sollte.
Freistoß-Spezialisten wie Vincenzo Grifo — dazu gleich mehr — haben deshalb einen strukturellen Vorteil in der Fernschuss-Statistik. Ihr hoher Fernschuss-Anteil liegt nicht darin begründet, dass sie besonders viele sinnlose Distanzschüsse abgeben, sondern dass ein erheblicher Teil ihrer Fernversuche in einer Situation entsteht, die mit einem offenen Spielzug wenig gemein hat.
Der Elfmeter und Zone 3
26 Prozent der Zone-3-Tore entstehen per Elfmeter. Der Elfmeterpunkt liegt bei etwa 11 Metern Torentfernung, in einer koordinatentechnisch seitlicheren Position als das Strafraum-Zentrum. Das macht Zone 3 in der Rohstatistik besser aussehen als sie tatsächlich ist — wer den Elfmeter-Anteil herausrechnet, landet bei einer deutlich niedrigeren Torquote für reguläre Halbpositions-Abschlüsse.
Sechs Saisons im Trend
Hat sich etwas verändert? Schießen Bundesliga-Teams 2024/25 weiser als 2019/20?
| Saison | Schüsse | Fernschuss% | Fern-Torquote | Z1+Z2-Tore% | Ges. Torquote |
|---|---|---|---|---|---|
| 2019/20 | 8.148 | 38,5% | 4,6% | 58,3% | 11,7% |
| 2020/21 | 7.590 | 37,3% | 4,1% | 55,5% | 11,9% |
| 2021/22 | 7.949 | 36,0% | 4,2% | 57,7% | 11,6% |
| 2022/23 | 7.815 | 36,0% | 4,7% | 53,2% | 12,1% |
| 2023/24 | 8.506 | 36,6% | 4,5% | 55,4% | 11,3% |
| 2024/25 | 7.944 | 34,3% | 5,1% | 56,0% | 11,7% |
Der Trend existiert — aber er ist bescheiden. Der Fernschuss-Anteil sank von 38,5 Prozent in der Saison 2019/20 auf 34,3 Prozent in 2024/25. Das ist ein Rückgang von 4,2 Prozentpunkten über sechs Jahre. Anders ausgedrückt: Pro Spiel werden heute im Schnitt ein bis zwei Fernschüsse weniger abgegeben als vor sechs Jahren.
Das ist keine Revolution. Es ist eine leise Verschiebung, die möglicherweise mit der Verbreitung von Expected-Goals-Analysen in Trainerstäben zusammenhängt — oder mit strukturellen Veränderungen im Pressing-Fußball, der Abschlüsse von außen schlicht seltener ermöglicht. Was es nicht ist: ein bewusster Moreyball-Moment. Die Bundesliga hat den langen Zweier noch nicht abgeschafft.
Fünf Spieler — fünf Philosophien
Hinter dem Ligadurchschnitt stecken individuelle Profile, die sehr unterschiedlich aussehen. Die folgenden fünf Spieler illustrieren, wie unterschiedlich Profifußballer auf die Frage "wann schieße ich?" antworten — und was dabei herauskommt.
252 Schüsse · 21 Tore · 227 Fernschüsse (90%) · 14 Fernschuss-Tore (6%) · xG-Differenz: +8,4
Maximilian Arnold ist kein schlechter Schütze. 90 Prozent seiner Schüsse kommen von außerhalb des Strafraums — damit ist er der Spieler mit dem höchsten Fernschuss-Anteil aller Bundesligaprofis mit mindestens 30 Schüssen in unserem Datensatz. Aus 227 Fernversuchen erzielte er 14 Tore. Das Modell hätte ihm dort 12,6 xG zugesprochen — er hat mit 14 Toren leicht über Erwartung getroffen.
Das Paradoxe an Arnolds Zahlen: Er überperformt in seiner bevorzugten Zone und ist trotzdem weit von dem entfernt, was eine radikale Zonenumstellung bringen würde. Wäre er in derselben Saison auf 30 Nahbereich-Schüsse gekommen statt auf 4, hätte er — bei der ligaweiten Nahbereich-Torquote von 32 Prozent — rein rechnerisch knapp 10 zusätzliche Tore erzielt. Das ist natürlich eine hypothetische Betrachtung; ein Mittelfeldspieler kommt nicht einfach an 30 Nahbereich-Schüsse. Aber die Zahl verdeutlicht den Effizienzunterschied.
Arnold ist nicht der Prototyp des rücksichtslosen Fernschuss-Fans. Er ist ein Mittelfeldstratege, dessen Torbeteiligung über Vorlagen und Spielaufbau läuft. Nur: Wenn er schießt, dann fast immer von weit draußen. Und die Erfolgsquote bleibt dabei konstant niedrig — weil sie für alle konstant niedrig bleibt.
205 Schüsse · 62 Tore · 13 Fernschüsse (6%) · 2 Fernschuss-Tore (15%) · xG-Differenz: +12,5
Erling Haaland spielte nur zwei Bundesliga-Saisons — aber seine Schussdaten lesen sich wie eine methodische Gegenantwort auf Maximilian Arnold. 6 Prozent Fernschuss-Anteil. Zum Vergleich: der Ligadurchschnitt liegt bei 36,5 Prozent. Haaland schoss fast ausschließlich dann, wenn er in einer Zone stand, in der das Schießen statistisch sinnvoll ist.
Das Ergebnis: 62 Tore aus 205 Schüssen — eine Gesamtquote von 30 Prozent. Im Nahbereich (Zone 1) erzielte Haaland aus 19 Schüssen 14 Tore. Das entspricht einer Torquote von 74 Prozent — dem höchsten Wert aller Spieler mit mindestens zehn Nahbereich-Schüssen in unserem Datensatz. Der ligaweite Schnitt in Zone 1 liegt bei 32 Prozent.
Haaland ist eine Extremposition. Kein anderer Spieler in den sechs Saisons hat bei ähnlichem Schussvolumen einen so niedrigen Fernschuss-Anteil und eine so hohe Gesamteffizienz kombiniert. Ob das nachzuahmen ist, ist eine andere Frage — Haalands physische Präsenz ermöglicht ihm Schusssituationen, die für die meisten Stürmer unerreichbar sind. Aber die Richtung, die seine Zahlen zeigen, ist eindeutig: Wer weniger von außen schießt und mehr im Strafraum findet, schießt effizienter.
Mit +12,5 gegenüber dem xG-Modell ist Haaland außerdem der größte Outperformer unseres gesamten Datensatzes. Das bedeutet, dass er sogar gemessen an seiner — bereits sehr guten — Abschlussposition besser trifft als statistisch zu erwarten wäre. Qualität und Positionierung verstärken sich gegenseitig.
341 Schüsse · 74 Tore · 44 Fernschüsse (13%) · 5 Fernschuss-Tore (11%) · xG-Differenz: +10,6
Patrik Schick steht für eine andere Art der Zonenoptimierung als Haaland: weniger extrem, aber über einen deutlich längeren Zeitraum konsistent. Nur 13 Prozent seiner Schüsse kommen von außen — rund ein Drittel des Ligaschnitts. Seine 74 Tore aus 341 Schüssen entsprechen einer Gesamtquote von 21,7 Prozent — mehr als doppelt so hoch wie der Ligadurchschnitt von 11,7 Prozent.
Schick überperformt das xG-Modell um +10,6 Tore — der zweitbeste Wert in unserem Gesamtdatensatz nach Haaland. Das bedeutet: Nicht nur sind seine Schüsse gut positioniert, er trifft auch noch besser als das Modell aufgrund dieser Positionen erwartet. In Zone 2 (Strafraum-Zentrum) erzielte Schick eine Torquote von 33 Prozent — der Ligaschnitt dort liegt bei 15,9 Prozent.
Was Schicks Profil interessant macht: Er ist kein Spieler, der auf physische Dominanz setzt wie Haaland. Er ist ein technischer Vollstrecker, dessen Stärke darin liegt, Schussmöglichkeiten präzise zu nutzen und gleichzeitig selektiv zu sein — weniger Schüsse, mehr Tore.
356 Schüsse · 53 Tore · 185 Fernschüsse (52%) · 9 Fernschuss-Tore (5%) · xG-Differenz: +4,7
52 Prozent Fernschuss-Anteil — der zweithöchste Wert nach Maximilian Arnold in unserem Datensatz der Spieler mit mindestens 30 Gesamttoren. Auf den ersten Blick sieht das nach dem statistisch ineffizientesten Profil überhaupt aus. Aber Grifos Zahlen erfordern eine Differenzierung, die die rohe Zonenstatistik nicht liefert.
Grifo ist Freiburgs Freistoß-Spezialist. Ein erheblicher Teil seiner Fernschüsse entsteht nicht im offenen Spiel, sondern bei direkten Freistößen — einer Situation, in der die normale xG-Kalkulation für Fernschüsse nicht greift, weil Mauer, Positionierung der Mitspieler und Torwart-Erwartung das Szenario grundsätzlich anders strukturieren als einen regulären Distanzschuss. Von 1.095 Nahbereich-Toren in unserem Datensatz entstanden 127 (12%) aus Set Pieces. Bei Fernschüssen kamen 13 Prozent aller Tore per Direktfreistoß.
Das bedeutet nicht, dass Grifo nicht auch Fernschüsse im laufenden Spiel abgibt — das tut er. Aber sein außergewöhnlich hoher Fernschuss-Anteil erklärt sich zu einem relevanten Teil aus einer Rolle, die in der Ligastatistik als Fernschuss auftaucht, aber in der taktischen Realität eine Sondersituation ist. Sein +4,7 xG-Überperformance bestätigt, dass er in dieser Rolle tatsächlich effizienter trifft als das Modell erwartet.
255 Schüsse · 37 Tore · 41 Fernschüsse (16%) · 0 Fernschuss-Tore (0%) · xG-Differenz: −13,7
Höler illustriert, dass die Zonenlogik keine vollständige Erklärung ist. Sein Fernschuss-Anteil liegt mit 16 Prozent deutlich unter dem Ligasnitt — er schießt also schon von außen seltener als der Durchschnitt. Trotzdem ist −13,7 die schlechteste xG-Differenz aller Spieler in unserem Datensatz mit mindestens 100 Schüssen und 20 Toren. Er schießt schlechter als erwartet — in allen Zonen.
Das xG-Modell würde Höler aufgrund seiner Abschlusspositionen 50,7 Tore zuschreiben. Tatsächlich erzielte er 37 — ein Defizit von 13,7. Aus 41 Fernschüssen erzielte er kein einziges Tor. Aus Zone 1 (Nahbereich) traf er immerhin in 11 von 31 Versuchen — etwa der Ligaquote entsprechend.
Was Hölers Zahlen zeigen: Schussqualität ist nicht dasselbe wie Schussposition. Wer aus guten Positionen schießt, aber das Schießen an sich weniger sicher beherrscht, landet trotzdem unter dem xG-Modell. Umgekehrt erklärt das, warum Haaland und Schick das Modell trotz guter Positionen noch einmal überbieten — Positionierung und Abschlussqualität multiplizieren sich, sie addieren sich nicht nur.
Die xG-Tabelle — wer trifft besser als erwartet?
Expected Goals misst die Wahrscheinlichkeit eines Tores basierend auf Schussposition, Schusstyp und Situation. Ein Spieler mit +10 xG-Differenz hat also 10 Tore mehr erzielt, als das Modell aufgrund seiner Abschlüsse erwartet hätte. Das sagt nichts über Moral oder Talent — es sagt etwas darüber, ob jemand mit seinen Schusssituationen überdurchschnittlich gut umgeht.
| Spieler | Tore | xG | Differenz | Schüsse | Fern-% |
|---|---|---|---|---|---|
| Erling Haaland | 62 | 49,5 | +12,5 | 205 | 6% |
| Patrik Schick | 74 | 63,4 | +10,6 | 341 | 13% |
| Jonas Hofmann | 42 | 31,4 | +10,6 | 216 | 35% |
| Robert Lewandowski | 110 | 101,2 | +8,8 | 433 | 18% |
| Jamal Musiala | 45 | 37,5 | +7,5 | 258 | 29% |
| Harry Kane | 62 | 58,0 | +4,0 | 260 | 23% |
| Vincenzo Grifo | 53 | 48,3 | +4,7 | 356 | 52% |
| Andrej Kramaric | 76 | 75,4 | +0,6 | 433 | 34% |
| Serhou Guirassy | 60 | 60,1 | −0,1 | 229 | 17% |
| André Silva | 57 | 66,4 | −9,4 | 307 | 15% |
| Lucas Höler | 37 | 50,7 | −13,7 | 255 | 16% |
Zwei Spieler fallen dabei besonders auf. Andrej Kramaric hat in sechs Saisons 433 Schüsse abgegeben — genauso viele wie Robert Lewandowski — und dabei 76 Tore erzielt. Lewandowski erzielte aus denselben 433 Schüssen 110. Der Unterschied liegt nicht primär im Fernschuss-Anteil (Lewandowski 18%, Kramaric 34%), sondern in einer konsistenten Überperformance des Modells bei Lewandowski (+8,8) gegenüber der nahezu ausgeglichenen Bilanz bei Kramaric (+0,6). Gleiche Schussanzahl, 34 Tore Unterschied — das ist kein Datenfehler, das ist der Unterschied zwischen einem Weltklasse-Vollstrecker und einem sehr guten Bundesliga-Stürmer.
Jonas Hofmann auf der anderen Seite — ein Mittelfeldspieler, kein gelernter Stürmer — überperformt das xG-Modell um +10,6 Tore und ist damit gemeinsam mit Schick der zweitbeste Wert hinter Haaland. Hofmann hat 35 Prozent Fernschuss-Anteil und trifft trotzdem deutlich besser als erwartet. Das erinnert daran, dass xG-Modelle den Schützen nicht kennen — nur die Position.
Was das Modell nicht kann
Wer nur die Zonenanalyse liest, könnte zu dem Schluss kommen: Fernschüsse sind irrational, und wer sie trotzdem schießt, ist ein schlechter Taktiker. Das wäre zu kurz gegriffen.
Das xG-Modell kennt keinen Spielstand. Ein Fernschuss in der 88. Minute beim Stand von 0:0 ist eine völlig andere Situation als ein Fernschuss in der 20. Minute bei 2:0-Führung. Im ersten Fall ist das Risiko vertretbar — der Schuss kostet wenig (Ballverlust ist ohnehin eingeplant) und kann alles bedeuten. Im zweiten Fall wäre der bessere Zug wahrscheinlich, den Ball in der eigenen Mannschaft zu halten und die Überlegenheit zu verwalten. Das xG-Modell sieht in beiden Situationen denselben Schuss aus derselben Zone.
Das Modell kennt auch keine Pressing-Intensität. Wer von einem Gegner mit aggressivem Pressing unter Druck gesetzt wird, kann nicht einfach auf die nächste Zone-1-Situation warten. Manchmal ist der Fernschuss der einzige Abschluss, den eine Situation zulässt, und wer ihn in dieser Lage nicht nimmt, vergibt die einzige Chance, die der Spielzug produziert hat.
Und das Modell kennt keine Spielsysteme. Ein Team, das auf schnelle Konter aus der eigenen Hälfte setzt, wird strukturell andere Abschlusspositionen produzieren als ein Team, das durch geduldsamen Ballbesitz in den Strafraum eindringt. Der Fernschuss-Anteil eines Spielers hängt nicht nur von seinen eigenen Entscheidungen ab, sondern davon, welche Situationen sein Klub produziert.
Das alles entbindet nicht von der Kernfrage: Wenn ein Drittel aller Schüsse aus einer Zone kommt, in der vier von hundert ein Tor werden, dann sollte das irgendwo in der Analyse auftauchen — auf Spieler-Ebene, auf Team-Ebene, irgendwo. Und es taucht auf. Aber die Antwort ist komplizierter als "Fernschüsse sind dumm".
Der Moreyball-Moment des Fußballs ist noch nicht da. Der Trend zeigt leicht in diese Richtung — 34,3 Prozent Fernschuss-Anteil in 2024/25 statt 38,5 Prozent sechs Jahre zuvor. Aber er ist kein Bruch, er ist eine Verschiebung. Und anders als im Basketball, wo der "lange Zweier" eine klar definierte schlechte Entscheidung war, ist der Fernschuss im Fußball kontextabhängig genug, um eine einfache Abschaffung zu erschweren.
Was die Daten trotzdem zeigen, eindeutig und über sechs Saisons hinweg: Wer aus dem Strafraum schießt, trifft öfter. Wer im Strafraum bleibt, bevor er schießt, trifft noch öfter. Und wer dabei auch noch besser trifft als das Modell erwartet, wird Topscorer. Das ist keine Überraschung. Aber es ist eine Zahl, die man jetzt kennt.