Vor der Saison hat unser Faktor-8-Modell Werder Bremen auf Rang 17 gesehen. Nach acht Spieltagen steht Werder auf Platz 5, keine Mannschaft liegt weiter von der Prognose entfernt. Wer nach dem Grund sucht, landet schnell bei einem Namen: Niclas Füllkrug, zurück in Bremen, mit 9 Toren bester Torschütze der Liga, vor Patrik Schick (7) und Michael Olise (6).
Die Frage ist, ob das so weitergehen kann. Dafür schauen wir auf die Expected Goals (xG): Sie messen, wie gut die Chancen eines Spielers waren. Jeder Schuss bekommt einen Wert zwischen 0 und 1, je nachdem, wie oft vergleichbare Schüsse ins Tor gehen. Die Summe zeigt, wie viele Tore ein durchschnittlicher Abschluss aus diesen Chancen gemacht hätte.
Die Chancen: gut, aber mit Elfmetern
Auf den ersten Blick bekommt Füllkrug Chancen wie ein Spitzenstürmer: Mit 4,9 xG hat er die drittmeisten Expected Goals der Liga, nur Harry Kane (6,4) und Patrik Schick (5,3) liegen vor ihm. Pro 90 Minuten sind es 0,67 xG. In 656 Minuten gab er 28 Schüsse ab.
Ein großer Teil davon stammt allerdings vom Elfmeterpunkt. Drei seiner neun Tore waren Elfmeter, zwei davon beim 3:2-Sieg in Mainz. Ein Elfmeter zählt je nach Modell 0,76 bis 0,79 xG. Rechnet man sie heraus, bleiben schätzungsweise 2,5 bis 2,6 xG aus dem Spiel, also fast die Hälfte weniger. Pro 90 Minuten sind das nur noch rund 0,36 xG, ein ordentlicher, aber kein herausragender Wert. Aus diesen Chancen hat Füllkrug 6 Tore gemacht.
Die Chancenverwertung ist außergewöhnlich
| Spieltag | Gegner | Ergebnis | Min. | Tore | xG |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | SC Freiburg (A) | 4:1 | 61 | 0 | 0.15 |
| 2 | RB Leipzig (H) | 3:1 | 74 | 1 | 0.02 |
| 3 | 1. FC Köln (A) | 1:1 | 81 | 1 | 0.24 |
| 4 | FC Augsburg (H) | 3:2 | 90 | 1 | 0.87 |
| 5 | Borussia Dortmund (A) | 2:2 | 90 | 1 | 0.25 |
| 6 | SC Paderborn 07 (H) | 2:2 | 90 | 2 | 1.18 |
| 7 | 1. FSV Mainz 05 (A) | 2:3 | 81 | 2 | 1.76 |
| 8 | TSG 1899 Hoffenheim (H) | 2:0 | 89 | 1 | 0.43 |
| Gesamt | 656 | 9 | 4.90 |
Ergebnisse immer Heim:Gast. (H) = Werder-Heimspiel, (A) = Auswärtsspiel.
Die Tabelle zeigt, woher das Plus kommt. Gegen Leipzig traf Füllkrug aus Chancen im Wert von 0,02 xG, statistisch geht so ein Schuss etwa in einem von fünfzig Fällen rein. In Köln (0,24 xG) und in Dortmund (0,25 xG) hatte er im ganzen Spiel jeweils nur Chancen im Wert von einem Viertel Tor und traf trotzdem. Ohne Elfmeter landet fast jeder vierte Schuss im Netz (6 von 25). Mit +4,1 Toren über xG liegt er unter den 25 Spielern mit den meisten Expected Goals klar vorne. Olise folgt mit +2,6, Kane trifft dagegen 2,4 Tore unter seinen Chancen.
Füllkrug im Vergleich mit sich selbst
Noch deutlicher wird es im Vergleich mit seinen besten Bundesliga-Jahren. Ohne Elfmeter gerechnet:
| Saison | Verein | Tore | davon Elfm. | Minuten | Tore/90 ohne Elfm. |
|---|---|---|---|---|---|
| 2017/18 | Hannover 96 | 14 | 3 | 2387 | 0.41 |
| 2022/23 | Werder Bremen | 16 | 5 | 2477 | 0.40 |
| 2023/24 | Borussia Dortmund | 12 | 3 | 2212 | 0.37 |
| 2026/27 | Werder Bremen | 9 | 3 | 656 | 0.82 |
In seinen drei stärksten Bundesliga-Saisons traf Füllkrug ohne Elfmeter ziemlich konstant rund 0,4-mal pro 90 Minuten. Aktuell liegt er bei 0,82, also beim Doppelten. Dass ein Stürmer mit 33 Jahren plötzlich doppelt so oft trifft wie in seiner besten Zeit, ist möglich, aber unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist, dass sich seine Quote im Lauf der Saison wieder in Richtung seiner Chancen bewegt.
Wie sehr hängt Werder an ihm?
Werder hat in acht Spielen 17 Tore erzielt, 9 davon Füllkrug, also mehr als die Hälfte. Rechnet man seine Tore heraus und lässt alles andere gleich, sähe die Bilanz so aus: In Köln, in Dortmund und gegen Paderborn wären aus Unentschieden Niederlagen geworden, aus dem Sieg in Mainz eine Niederlage, aus dem Sieg gegen Augsburg ein Remis. Werder hätte 7 statt 15 Punkte und stünde auf Platz 15, nur knapp über dem Rang, den das Faktor-8-Modell vor der Saison erwartet hat.
Diese Rechnung ist natürlich vereinfacht. Ohne Füllkrug hätte ein anderer Spieler die Chancen bekommen, und Werder hätte anders gespielt. Aber sie zeigt, wie stark der fünfte Platz an einem einzigen Spieler hängt, der gerade weit über seinen Erwartungswerten trifft.
Ist Füllkrug wirklich so gut? Ja und nein. Er kommt regelmäßig zum Abschluss, und Werder sucht ihn. Nur Kane und Schick haben mehr xG, allerdings stammt bei Füllkrug fast die Hälfte davon aus Elfmetern. Seine Chancenverwertung liegt aber weit über allem, was er in seiner Karriere gezeigt hat, und auch weit über dem Rest der Liga. Wenn sich das normalisiert, wird Füllkrug weiter treffen, nur seltener. Dann muss sich zeigen, ob Werder auch ohne seine Überperformance in der oberen Tabellenhälfte bleibt.
Ein erster Test: Am Samstag spielt Werder in Stuttgart, bei dem Team, das das Faktor-8-Modell vor der Saison auf Rang 3 gesehen hat.
Methodik: Die xG-Werte stammen von einem externen Datenanbieter, Stand 1. November 2026. Verschiedene xG-Modelle kommen zu leicht unterschiedlichen Werten. Der Anbieter weist nicht aus, ob Elfmeter im xG enthalten sind. Die Werte aus dem Spiel in Mainz, wo Füllkrug zweimal per Elfmeter traf, sprechen dafür. Die Angabe von 2,5 bis 2,6 xG ohne Elfmeter ist eine Schätzung mit einem Elfmeter-Wert von 0,76 bis 0,79. Karrierewerte: seine drei torreichsten Bundesliga-Saisons.