Kein Team liegt so weit über unserer Saisonprognose wie Werder Bremen, keines so weit darunter wie der VfB Stuttgart. Werder hatte das Faktor-8-Modell auf Rang 17 eingestuft, nach acht Spieltagen steht der Verein auf Platz 5, zwölf Ränge besser. Stuttgart sollte Dritter werden und ist Elfter, acht Ränge schlechter. Am Samstag treffen beide in Stuttgart aufeinander.
Bevor man daraus schließt, dass das Modell bei beiden Teams völlig falsch lag, lohnt sich ein genauerer Blick. Denn die Tabelle nach acht Spieltagen misst vor allem Ergebnisse. Wie gut ein Team tatsächlich spielt, zeigt sich besser an den Chancen, die es herausspielt und zulässt.
Was Expected Goals und erwartete Punkte messen
Expected Goals (xG) bewerten jeden Schuss mit einem Wert zwischen 0 und 1, je nachdem, wie oft vergleichbare Schüsse ins Tor gehen. Ein Elfmeter liegt je nach Modell bei 0,76 bis 0,79, ein Kopfball aus 15 Metern deutlich unter 0,1. Addiert man alle Schüsse eines Teams, sieht man, wie viele Tore es nach seinen Chancen hätte erzielen sollen. Dasselbe gilt für die Chancen des Gegners (xGA, Expected Goals Against).
Aus den xG-Werten beider Mannschaften in einem Spiel lässt sich außerdem berechnen, wie viele Punkte ein Team bei diesen Chancen im Schnitt geholt hätte. Das sind die erwarteten Punkte (xPts). Sie sind kein Urteil über ein einzelnes Spiel, aber über acht Spieltage geben sie einen ersten Hinweis, ob ein Team mit Glück oder mit Pech unterwegs ist.
Werder und Stuttgart im direkten Vergleich
| VfB Stuttgart | Werder Bremen | |
|---|---|---|
| Faktor-8-Prognose | Rang 3 | Rang 17 |
| Tabellenplatz | 11 | 5 |
| Punkte | 9 | 15 |
| Erwartete Punkte (xPts) | 11.1 | 11.0 |
| Tore / xG | 14 / 16.6 | 17 / 13.1 |
| Gegentore / xGA | 15 / 16.4 | 14 / 12.7 |
| xG-Differenz | +0.2 | +0.4 |
| Heimbilanz | 3 Sp. · 3 Pkt · 6:5 | 4 Sp. · 10 Pkt · 10:5 |
| Heim: erwartete Punkte | 4.3 | 6.8 |
| Auswärtsbilanz | 5 Sp. · 6 Pkt · 8:10 | 4 Sp. · 5 Pkt · 7:9 |
| Auswärts: erwartete Punkte | 6.8 | 4.3 |
Die wichtigste Zeile ist die vierte. Nach ihren Chancen hätten beide Teams fast exakt gleich viele Punkte holen müssen: Stuttgart 11,1, Werder 11,0. Auch bei der xG-Differenz liegen sie praktisch gleichauf, Werder auf Platz 8 der Liga, Stuttgart auf Platz 9. Die sechs Tabellenplätze zwischen ihnen erklären sich nicht durch unterschiedliche Stärke, sondern dadurch, dass Werder vier Punkte mehr und Stuttgart gut zwei Punkte weniger geholt hat, als die Chancen hergaben.
Für unser Modell heißt das: Beide Prognosen waren falsch, aber in unterschiedlichem Ausmaß. Gemessen an den erwarteten Punkten lag Faktor-8 bei Stuttgart um sechs Ränge daneben (Rang 3 statt um Platz 9), bei Werder um sieben (Rang 17 statt um Platz 10). Der Rest der Abweichung in der Tabelle geht auf Chancenverwertung und Zufall zurück.
Stuttgart: Der Angriff stimmt, die Abwehr nicht
Der Angriff. Stuttgart hat in acht Spielen Chancen im Wert von 16,6 Toren herausgespielt. Das ist gemeinsam mit Augsburg der drittbeste Wert der Liga, nur Bayern (24,4) und Leipzig (18,6) liegen davor. Offensiv gehört der VfB also zur Spitzengruppe. Getroffen hat er aber nur 14-mal, 2,6 Tore weniger als erwartet.
Die Abwehr. Hier liegt das eigentliche Problem. Stuttgart lässt Chancen im Wert von 16,4 Toren zu, gut zwei pro Spiel. Das ist der fünftschlechteste Wert der Liga. Nur Augsburg (21,6), Gladbach (19,2), Elversberg (18,4) und Frankfurt (16,8) lassen mehr zu. Zum Vergleich: Bayern lässt 7,2 zu, Freiburg 9,0, Dortmund 9,7. Ein Team, das um die Champions-League-Plätze spielen will, kann sich so viele Gegentorchancen nicht leisten.
Die Gegentore. Gemessen an den zugelassenen Chancen hat Stuttgart nicht zu viele Tore kassiert: 15 bei 16,4 erwarteten. Das Problem ist also nicht, dass die Chancen des Gegners zu oft drin sind, sondern dass er überhaupt so viele bekommt.
Das Pech. Dazu kommen knappe Niederlagen. Vier der fünf Stuttgarter Pleiten endeten mit einem Tor Unterschied:
| Spieltag | Paarung | Ergebnis |
|---|---|---|
| 3 | TSG 1899 Hoffenheim – VfB Stuttgart | 2:1 |
| 4 | VfB Stuttgart – Borussia Dortmund | 0:1 |
| 6 | Hamburger SV – VfB Stuttgart | 1:0 |
| 7 | VfB Stuttgart – Borussia Mönchengladbach | 2:3 |
Ergebnisse immer Heim:Gast.
Die fünfte Niederlage war das 1:5 in München zum Saisonauftakt. Dem stehen drei Siege gegenüber, alle mit mindestens zwei Toren Abstand: 4:1 gegen Köln, 2:0 in Paderborn und zuletzt 4:2 in Leverkusen. Auffällig ist die Heimbilanz: Aus drei Spielen in Stuttgart kamen nur drei Punkte, nach den Chancen wären es 4,3 gewesen.
Was das Faktor-8-Modell bei Stuttgart übersehen hat
Das Modell hatte Stuttgart vor der Saison aus guten Gründen weit oben gesehen. Sebastian Hoeneß bekam die beste Trainerbewertung der Liga (Rang 1), die historische Form der letzten Jahre lag auf Rang 3, die Heim- und Auswärtsform je auf Rang 4, der Kader mit 434 Millionen Euro Marktwert auf Rang 5. Zusammen machen diese Faktoren fast 70 Prozent der Gewichtung aus.
Das Problem: All diese Faktoren beschreiben, was Stuttgart in den vergangenen Jahren war und welche Qualität im Kader steckt. Keiner von ihnen misst, wie stabil eine Abwehr in der laufenden Saison steht. Genau dort hakt es. Ein starker Trainer und ein teurer Kader garantieren keine kompakte Defensive, wenn sich das Gefüge verändert hat.
Einen Warnhinweis hatte das Modell allerdings gegeben. In unserer Saisonvorschau stand Stuttgart bei der Verletztenlage auf Rang 17 von 18, und wir schrieben damals, das sei „das einzige, was den Meistertitel verhindern kann“. Kurz vor Saisonstart (Stand Mitte August) fehlten dem VfB mit Dan-Axel Zagadou und Lorenz Assignon zwei Abwehrspieler, dazu Torhüter Dennis Seimen. Aktuell fallen Josha Vagnoman, Angelo Stiller, Leo Sauer und Justin Diehl aus. Die Verletztenlage dürfte also zu den Abwehrproblemen beigetragen haben. Der Warnhinweis aus dem August war berechtigt, das Modell hat ihn mit zehn Prozent Gewicht aber zu schwach eingepreist.
Werder: Ein Mittelfeldteam mit einem Torjäger in Topform
Die Abwehr ist besser, als das Modell erwartet hatte. Werder lässt Chancen im Wert von 12,7 Toren zu, der siebtbeste Wert der Liga und fast vier xG weniger als Stuttgart. Defensiv steht Werder also solide, solider als der VfB.
Der Angriff ist Mittelmaß, mit einer Ausnahme. Mit 13,1 xG liegt Werder offensiv nur auf Platz 10. Erzielt hat die Mannschaft aber 17 Tore, 3,9 mehr als erwartet. Diese Differenz geht praktisch vollständig auf einen Spieler zurück: Niclas Füllkrug hat 9 Tore aus 4,9 xG erzielt, ein Plus von 4,1. Der Rest der Mannschaft kommt auf 8 Tore aus 8,2 xG, trifft also genau so, wie es die Chancen erwarten lassen. Wie außergewöhnlich Füllkrugs Quote ist, haben wir in einer eigenen Analyse untersucht.
Die Heimbilanz ist stark, aber nicht ganz so stark, wie sie aussieht. Werder hat aus vier Heimspielen 10 Punkte geholt (10:5 Tore), nur Leipzig hat zu Hause mehr Punkte pro Spiel gesammelt, Bayern und Dortmund liegen gleichauf. Nach den Chancen wären es 6,8 Punkte gewesen. Werder spielt zu Hause also gut (7,3 zu 5,0 xG), hat aber auch Glück: Die Hälfte der Heimtore erzielte Füllkrug. Auswärts sind es 5 Punkte aus vier Spielen.
Was das Faktor-8-Modell bei Werder übersehen hat
Hier ist der größte einzelne Fehler leicht zu finden: die Heimform. Das Modell bewertete Werders Heimbilanz aus den Vorjahren mit 0,00, Rang 15 der Liga. Wir schrieben in der Saisonvorschau: „Kein messbarer Heimvorteil — in einem Stadion, das für genau diesen Vorteil bekannt ist.“ Nach acht Spieltagen hat Werder, gemeinsam mit Bayern und Dortmund, die zweitbeste Heimbilanz der Liga, und auch nach Chancen spielt Werder zu Hause deutlich besser, als das Modell angenommen hatte.
Auch die übrigen Schwachpunkte, die das Modell sah, haben Werder bisher nicht erkennbar gebremst. Werders Verletztenlage stand auf dem letzten Rang der Liga, der Trainer-Faktor für Daniel Thioune auf Rang 15, die historische Form nach Platz 15 in der Vorsaison auf Rang 13. Den einzigen starken Wert hatte Werder bei der Transferbilanz (Rang 4), vor allem wegen Füllkrugs Rückkehr. Ausgerechnet dieser Faktor erklärt jetzt einen großen Teil der Punkte: Ohne Füllkrugs Tore hätte Werder rechnerisch 7 statt 15.
Trotzdem wäre es falsch, Werder nun als Spitzenteam zu sehen. Nach erwarteten Punkten steht der Verein um Platz 10. Das Modell hat Werder um einige Ränge unterschätzt, aber nicht um zwölf.
Die ganze Liga: Punkte gegen erwartete Punkte
Werder und Stuttgart sind nicht die einzigen Teams, deren Tabellenplatz mehr über Glück oder Pech verrät als über ihre Stärke. Die folgende Tabelle zeigt alle 18 Teams mit ihren tatsächlichen und erwarteten Punkten.
| # | Team | Pkt | xPts | Diff | Platz n. xPts | F8-Rang |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | FC Bayern München | 18 | 19.3 | −1.3 | 1 | 1 |
| 2 | Borussia Dortmund | 18 | 13.4 | +4.6 | 6 | 2 |
| 3 | SC Freiburg | 16 | 14.2 | +1.8 | 3 | 7 |
| 4 | RB Leipzig | 15 | 15.4 | −0.4 | 2 | 4 |
| 5 | SV Werder Bremen | 15 | 11.0 | +4.0 | 10 | 17 |
| 6 | Bayer 04 Leverkusen | 13 | 13.3 | −0.3 | 7 | 6 |
| 7 | SV 07 Elversberg | 13 | 7.6 | +5.4 | 16 | 12 |
| 8 | Eintracht Frankfurt | 11 | 9.7 | +1.3 | 11 | 5 |
| 9 | 1. FSV Mainz 05 | 10 | 13.4 | −3.4 | 5 | 10 |
| 10 | FC Augsburg | 9 | 9.0 | ±0.0 | 13 | 9 |
| 11 | VfB Stuttgart | 9 | 11.1 | −2.1 | 9 | 3 |
| 12 | TSG 1899 Hoffenheim | 9 | 13.6 | −4.6 | 4 | 8 |
| 13 | 1. FC Köln | 9 | 11.2 | −2.2 | 8 | 18 |
| 14 | SC Paderborn 07 | 9 | 9.0 | ±0.0 | 12 | 16 |
| 15 | Hamburger SV | 9 | 6.1 | +2.9 | 18 | 14 |
| 16 | 1. FC Union Berlin | 7 | 8.9 | −1.9 | 14 | 11 |
| 17 | FC Schalke 04 | 6 | 6.5 | −0.5 | 17 | 13 |
| 18 | Borussia Mönchengladbach | 4 | 8.2 | −4.2 | 15 | 15 |
Diff = Punkte minus erwartete Punkte. Positiv heißt: mehr Punkte geholt, als die Chancen hergaben.
Glück haben vor allem drei Teams. Elversberg hat 5,4 Punkte mehr geholt als erwartet und stünde nach Chancen nur auf Platz 16 statt auf Platz 7. Dortmund (+4,6) liegt nach erwarteten Punkten nur auf Platz 5 bis 6, gleichauf mit Mainz. Werder (+4,0) gehört in dieselbe Gruppe.
Pech haben vor allem Hoffenheim, Gladbach und Mainz. Hoffenheim hat die viertbeste xG-Differenz der Liga, steht aber nur auf Platz 12, 4,6 Punkte unter den Erwartungen. Gladbach fehlen 4,2 Punkte, nach Chancen wäre der Verein nicht Letzter, sondern 15. Mainz fehlen 3,4 Punkte, nach Chancen läge der Verein gleichauf mit Dortmund auf Platz 5 statt auf Platz 9. Wenn ihre künftigen Ergebnisse eher ihren Chancen folgen, sollten diese Teams pro Spiel mehr Punkte holen als bisher. Die verlorenen Punkte holen sie damit aber nicht zurück.
Oben passt fast alles. Bayern, Leipzig und Freiburg stehen auch nach erwarteten Punkten unter den ersten drei. Für unser Modell ist das eine gute Nachricht: Bei Bayern, Leipzig und Leverkusen trifft die Faktor-8-Prognose sowohl die Tabelle als auch die Chancenverteilung recht genau.
Samstag: Was die Modelle erwarten
Für das Spiel am Samstag (18:30 Uhr) gehen unsere beiden Modelle so weit auseinander wie selten. Das Faktor-8-Modell sieht Stuttgart klar vorne, mit einer effektiven Differenz von +4,94. Ab 1,20 spricht das Modell von einer klaren Tendenz, +4,94 gehört zu den 8 Prozent der deutlichsten Werte aller möglichen Paarungen. Der Grund: Es hält den VfB weiterhin für das drittstärkste Team der Liga und Werder für das zweitschwächste. Das Dynamische Modell, das nur die laufende Saison kennt, tendiert leicht zu Werder (−1,11), wegen der besseren Tabellenposition und der Form. Stuttgart muss dabei auf Angelo Stiller und Josha Vagnoman verzichten.
Die Expected Goals liegen dazwischen: Nach ihren Chancen sind es zwei gleichwertige Teams, Stuttgart mit dem besseren Angriff und dem Heimvorteil, Werder mit der stabileren Abwehr. Unsere vollständige Prognose für den 9. Spieltag erscheint am Freitag.
Unser Modell hat sich bei beiden Teams verschätzt, aber weniger dramatisch, als die Tabelle vermuten lässt. Stuttgart ist kein Spitzenteam mit Pech, sondern bisher ein Mittelfeldteam mit starkem Angriff und zu offener Abwehr. Faktor-8 hat das nicht gesehen, weil es vor allem auf Vergangenheit, Trainer und Kaderwert setzt. Werder ist kein Spitzenteam mit verkannter Qualität, sondern ein solides Mittelfeldteam mit einer starken Heimbilanz und einem Torjäger, der gerade weit über seinen Erwartungswerten trifft. Faktor-8 hat Werder unterschätzt, vor allem wegen einer Heimform aus den Vorjahren, die in dieser Saison bisher nicht trägt.
Wenn die künftigen Ergebnisse eher den Chancen folgen, dürften beide Teams pro Spiel ähnlich viele Punkte holen. Den Rückstand von sechs Punkten holt Stuttgart damit aber nur langsam auf, falls überhaupt.
Methodik: Die xG- und xPts-Werte stammen von einem externen Datenanbieter, Stand 1. November 2026, nach dem 8. Spieltag. Verschiedene xG-Modelle kommen zu leicht unterschiedlichen Werten, die Tendenzen sind aber in der Regel stabil. Tore, Punkte und Ergebnisse haben wir mit unseren eigenen Spieldaten abgeglichen. Die Faktor-8-Werte stammen aus unserer Saisonvorschau vom August 2026. Effektive Differenz: Faktor-8 = Score Heim − Score Gast + 0,40 Heimvorteil; Dynamisches Modell = Punkte, Tordifferenz und Form der laufenden Saison, ebenfalls mit Heimvorteil.